Dr. Slávka Rude-Porubská
Eignen sich öffentliche Bibliotheken als Fitness-Zentren für Demokratie? Unbedingt – davon ist das in Dänemark entstandene Konzept „Democracy Fitness Training“ überzeugt, das durch den Verein Mehr Demokratie! seinen Weg auch in die Kultur- und Bildungspraxis in Deutschland gefunden hat. Unter „Demokratie-Fitness“ versteht man ein Training mit Übungen für den demokratischen Alltag, das die Stärkung von insgesamt zehn Demokratie-Muskeln zum Ziel hat: Da ist etwa der Empathie-Muskel, der wächst, wenn wir die Vielfalt der Menschen wertschätzen lernen. Der Mobilisierungs-Muskel, der uns befähigt, Menschen zusammenzubringen und gemeinschaftsstiftende Erlebnisse zu schaffen. Die Bereitschaft, sich auf andere ohne Vorurteile einzulassen, stärkt wiederum den Aktives-Zuhören-Muskel. Und für den Aufbau des Meinungs-Muskels ist es zuträglich, wenn wir eigene Gedanken angstfrei äußern und gleichzeitig für Ideen anderer offen sind.
Zu einem programmatischen „Kraftraum“ für die „Demokratie-Fitness“ können öffentliche Bibliotheken beispielsweise Diskussionen in Literaturkreisen, Buch- und Filmclubs machen. Bei diesen lässt sich, so formuliert es der Bibliothekar und Literaturblogger Marius Müller im Deutschlandfunk Kultur, „produktives Streiten lernen. Das kann der Demokratie und unserem überhitzten Debattenklima nur guttun.“
Geübt im Sinne des Demokratie-Muskel-Trainings wird in einem Literaturkreis gleich mehrfach: Durch die demokratische Abstimmung über den jeweiligen Lesestoff kommen ganz unterschiedliche Lesevorlieben zur Geltung, was die Aufgeschlossenheit und Toleranz gegenüber den Textpräferenzen anderer stärkt. Man diskutiert über verschiedene Lesarten des Textes, stellt unterschiedliche Perspektiven auf die Geschichte nebeneinander: Damit wächst die Dialogfähigkeit. Man ist eingeladen, die Sichtweisen anderer auf die Romanfiguren oder die Handlung nachzuvollziehen. Den eigenen Standpunkt trägt man mit Argumenten statt mit verbaler Aggression vor. Wenn man über ein Buch streitet – dann produktiv, ohne polemische Töne oder persönliche Angriffe. Der Meinungsvielfalt in der Gruppe mit Respekt begegnen. So übt man laut Marius Müller bei einem Gespräch über Bücher in einem Literaturkreis das ein, „was in der Gesellschaft im Großen längst nicht mehr so gut funktioniert – das respektvolle Miteinander.“

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