Ute Engelkenmeier, Joachim Griesbaum und Gustav Körner
Der neue Strukturwandel der Öffentlichkeit (Habermas, 2022) zählt zu den prägenden gesellschaftlichen Entwicklungen der Gegenwart. Er beschreibt die tiefgreifende Veränderung öffentlicher Kommunikation infolge digitaler Plattformen, Datafizierung und algorithmisch kuratierter Informationsangebote. Mit dem Bedeutungsverlust massenmedialer Rezeptionsweisen gewinnen digitale Plattformen, Suchmaschinen und soziale Medien als Arenen der Informations- und Meinungsbildung zunehmend an Bedeutung. Ihre Auswahl-, Empfehlungs- und Personalisierungsmechanismen beeinflussen maßgeblich, welche Informationen Sichtbarkeit und Reichweite erhalten und wie öffentliche Diskurse verlaufen. Fragmentierte Öffentlichkeiten, Empörungs- und Skandalisierungsdynamiken sowie die Verbreitung von Falsch- und Desinformation stellen demokratische Diskurse vor neue Herausforderungen.
Mit der Entwicklung generativer Künstlicher Intelligenz verändert sich die Informationsgewinnung grundlegend. Informationen werden nicht mehr nur recherchiert oder ausgewählt, sondern zunehmend von KI-Systemen synthetisiert, strukturiert und dialogisch aufbereitet. Gleichzeitig wächst die Menge synthetischer Inhalte im Netz, wodurch Fragen nach Informationsqualität, Transparenz, epistemischer Integrität und demokratischer Deliberation weiter an Bedeutung gewinnen.
Vor diesem Hintergrund kommt Bibliotheken eine Schlüsselrolle für demokratische und wissenschaftliche Diskurse zu. Als kuratierte Informationsräume gewährleisten sie den freien Zugang zu Information, machen unterschiedliche gesellschaftliche, wissenschaftliche und kulturelle Perspektiven zugänglich und ermöglichen, dass in Kontroversen verschiedene Positionen verhandelt werden können. Sie bewahren das kulturelle Erbe als Grundlage kollektiver Erinnerung, treten für Wissenschaftsfreiheit, Pluralismus und epistemische Integrität ein. Durch die Förderung von Informations-, Medien-, Daten- und KI-Kompetenz leisten sie einen Beitrag zur reflektierten Teilhabe an Diskursen in der Gesellschaft.
Bibliotheken werden im öffentlichen Diskurs jedoch zunehmend auch selbst zur Zielscheibe gesellschaftlicher und politischer Auseinandersetzungen. Politische Einflussnahmen, Delegitimierungsstrategien, Empörungs- und Skandalisierungsdynamiken sowie Forderungen nach der Einschränkung von Medienbeständen, Veranstaltungen oder Bildungsangeboten stellen ihren normativen Auftrag immer häufiger infrage. Bibliotheken stehen damit vor der Herausforderung, Meinungs- und Informationsfreiheit, Pluralismus, Wissenschaftsfreiheit und demokratische Verantwortung unter den Bedingungen gesellschaftlicher Polarisierung immer wieder neu auszubalancieren.
Ziel des Bandes Bibliothek & Diskurs ist es, den neuen Strukturwandel der Öffentlichkeit und seine Auswirkungen auf Informations- und Meinungsbildungsprozesse sowie auf die Rolle von Bibliotheken für Wissenschaft und Gesellschaft aus einer interdisziplinären Perspektive zu untersuchen. Der Band verbindet theoretische Analysen mit aktuellen Entwicklungen in Bibliotheken und der Informationspraxis. Im Mittelpunkt stehen die Auswirkungen digitaler Plattformen, Suchmaschinen, algorithmisch kuratierter Informationsangebote sowie generativer Künstlicher Intelligenz auf öffentliche und wissenschaftliche Diskurse sowie die daraus resultierenden Herausforderungen für Bibliotheken. Dabei richtet sich der Blick nicht allein auf Bibliotheken, sondern auf die sich wandelnden Informationsinfrastrukturen demokratischer Gesellschaften. Diskutiert werden Fragen der epistemischen Integrität, der Wissenschaftsfreiheit und der Wissenschaftskommunikation ebenso wie die Förderung von Informations-, Medien-, Daten- und KI-Kompetenz als Voraussetzung für Informationsgerechtigkeit und gesellschaftliche Teilhabe.
Ute Engelkenmeier
Ute Engelkenmeier ist Bibliotheks- und Informationswissenschaftlerin und arbeitet an der Technischen Universität Dortmund im Direktionsteam der Universitätsbibliothek mit den Schwerpunkten Information und Lernort. Sie ist seit 2018 Bundesvorsitzende des Berufsverband Information Bibliothek e.V. (BIB) sowie im Vorstand des Dachverbands Bibliothek & Information Deutschland (BID). Sie ist Mitherausgeberin des Handbuchs Bibliothekspädagogik (2024) und zusammen mit Julia Abel Reihenherausgeberin der Reihe Lernwelten (begründet von Richard Stang).
Joachim Griesbaum
Joachim Griesbaum ist Professor für Informationswissenschaft am Institut für Informationswissenschaft und Sprachtechnologie an der Universität Hildesheim. Seine Lehrtätigkeit umfasst Informations- und Wissensmanagement, E-Learning sowie Online-Marketing. In seiner Forschung beschäftigt er sich vor allem mit Fragen des Informationsverhaltens und der Förderung von Informationskompetenz. Er ist Mitglied der Initiative „Intercultural Perspectives on Information Literacy“ (IPILM) (ipil.blog.uni-hildesheim.de) und der Fachgruppe Informationskompetenz der KIBA (Konferenz der informations- und bibliothekswissenschaftlichen Ausbildungs- und Studiengänge)“
Gustav Körner
Gustav Körner studiert an der FU Berlin Philosophie und Soziologie mit Schwerpunkt auf Politische und Soziale Philosophie sowie Globale und Transnationale Perspektiven. Seine Interessen liegen vor allem im Bereich von Gerechtigkeit, den politischen, sozialen und kulturellen Dimensionen gesellschaftlicher Verflechtungen, transkultureller Verständigung und den Herausforderungen globaler Demokratien.
