Maike Zurstiege, Niklas Haupt

Bibliotheken müssen sich positionieren. Dieser Satz impliziert eine klare Forderung und klingt verführerisch, suggeriert er gewissermaßen Entschiedenheit in einer unübersichtlichen Welt. Doch genau hier bewegen sich Bibliotheken in Grauzonen: zwischen Neutralität und Haltung, zwischen Offenheit und Abgrenzung.

Offenheit kann ein Schild sein, die größte Stärke, aber eben auch ein Risiko. Räume der Toleranz werden von jenen beansprucht, die Toleranz selbst ablehnen. Als Öffentliche Bibliotheken, die dem Prinzip der Offenheit verpflichtet sind, bieten wir auch jenen einen Ort, die nicht die gleichen Werte teilen. Und der Ton ist rauer geworden. Grenzen werden immer häufiger tangiert, ausgereizt, getestet. Die Grenze des Sagbaren verschiebt sich weiter. Bibliotheken stehen politisch unter Beschuss. Die Geschichte zeigt, dass Orte des Wissens und Räume für Information immer besonders gefährdet waren und sind. Dies ist kein Zufall, es ist Programm. In einer Zeit wachsender gesellschaftlicher Spannungen ist das bewusste Einstehen für Werte wie Offenheit, Bildung und Teilhabe wichtiger denn je.
Dieses grundlegende Paradoxon der Toleranz, dieses demokratische Dilemma gilt es aber nicht nur auszuhalten. Wenn demokratische Grundwerte infrage gestellt, wenn Wissen, Informationsfreiheit angegriffen werden, können Bibliotheken nicht schweigen, sie dürfen sich verteidigen. Wo Ausgrenzung, Desinformation oder Menschenfeindlichkeit wirken, dürfen sie Stellung beziehen. Neutralität bedeutet zwar Objektivität im Auftrag, nicht aber Gleichgültigkeit gegenüber gesellschaftlichen Entwicklungen. Positionierung in Grauzonen ist demnach zwar ein Risiko, aber eben auch ein Beitrag zum demokratischen Diskurs. Sie macht sichtbar, wofür Bibliotheken stehen – und warum sie gebraucht werden. Wer sich positioniert, macht sich angreifbar, aber wer sich nicht angreifbar machen will, muss sich positionieren. Das ist kein Selbstzweck, sondern eine gemeinsame Chance. Und zudem alternativlos.


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